Bravo, Signora Lario!
Es hat nichts mit Marketing zu tun, dafür aber mit einem anderen Thema, das mir schon seit einiger Zeit zu denken gibt: Was ist “weiblich"?
Zum ersten Mal ernsthaft sprang mich diese Frage vor einigen Monaten in den Niederlanden an, als ich nur geringfügig gehetzt von meinem Hotel zu meinem Vortragsort schlenderte. Da kamen mir drei junge Frauen entgegen, eindeutig Immigrantinnen, für das damalige Wetter auffällig kurz und reizvoll bekleidet. Des Holländischen zwar nicht mächtig, fiel mir sofort der Kontrast zwischen ihrem aufwändigen Styling und ihrem Kommunikationsstil auf. Ihnen war es offensichtlich sehr wichtig, als Frauen begehrt zu werden, ihre verbale sowie körperliche Sprache konnten dagegen nicht männlicher sein! Sie wollten stark erscheinen (und das gehört für die meisten Frauen jeglicher Nationalität, jedes Alters sowie jeder sozialen Schicht heute zum eigenen Selbstverständnis) - hatten aber kein Vokabular, keine Gestik weiblicher Stärke zur Verfügung. Ich gebe zu, es gab mir zu denken. Ich denke noch immer darüber nach, denn bis heute habe ich keine “Definition für weibliche Stärke” ohne “zeitgeistige Verfälschung durch männliche Verhaltensweisen und Werte” gefunden, die mich überzeugt hätte. Mir scheint, hier ging viel verloren. Vielleicht zu viel. Ich befürchte, es war einer der Preise, die wir in der Vergangenheit für zweifellos notwendige Gleichstellungsbemühungen bezahlt haben, ohne es zu merken.
So, und jetzt komme ich über diesen Umweg endlich zu Veronica Lario. Sie ist nämlich die Gattin des berüchtigten Silvio Berlusconi, seines Zeichens italienischer Medienmogul und Ex-Premier. Sie schrieb ihrem Mann in der ihm eher gegnerisch gesinnten, nicht zu seinem Medien-Imperium gehörenden, Zeitung La Repubblica einen offenen Brief, in dem sie eine Entschuldigung für seine Avancen anderen Frauen gegenüber forderte. Er habe dadurch ihre Ehre als Frau verletzt.
Und tatsächlich hat er ihr sogar noch am heutigen Tag geantwortet, ebenfalls in La Repubblica. Für alle, die zufällig nicht fließend Italienisch sprechen, hier die deutsche Kurzfassung des ersten Teils.
Warum mich das alles beschäftigt? Weil ich “wie ist heute eine Frau stark, ohne auf männliche Sprache und Symbolik zurückzugreifen?” für eine wichtige Frage halte. Weil es mich erschreckt, dass mir weder spontan, noch nach Monaten der Überlegung eine überzeugende Antwort darauf einfällt. Weil es mir sehr zu denken gibt, dass ich männliche Stärke sehr wohl erklären kann. Weil ich mag, was Signora Lario getan hat.
